Biografie

Biografie

Univ.-Prof. Dr. Irmgard Merkt

  • 1946 Geboren in München.
  • 1965 Abitur.
  • 1965 – 1967 Ausbildung zur Diplom-Bibliothekarin an Wissenschaftlichen Bibliotheken, München.
  • 1967 – 1973 Studium Operngesang (4 Semester) und Lehramt Musik für Gymnasien an der Staatlichen Hochschule für Musik, München. Erstes Staatsexamen.
  • 1973 – 1975 Referendariat und Zweites Staatsexamen für die Fächer Musik und Pädagogik, Bochum.
  • 1975 – 1978 Studienrätin an der Hildegardis-Schule, Bochum.
  • 1978 – 1980 Assistentin an der Pädagogischen Hochschule Dortmund.
  • 1980 – 1989 Akademische Rätin an der Pädagogischen Hochschule und späteren Universität Dortmund.
  • 1983 Promotion: Deutsch-türkische Musikpädagogik in der Bundesrepublik. Ein Situationsbericht.
  • 1989 – 1991 Professorin im Fach Medienpädagogik, Schwerpunkt Musik in der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Dortmund.
  • 1991 – 2014 Professorin für das Lehrgebiet Musikerziehung und Musiktherapie in Pädagogik und Rehabilitation bei Behinderung an der Universität und späteren Technischen Universität Dortmund.
  • 2014 Ruhestand

Akademische Selbstverwaltung

  • 2004 – 2007 Dekanin der Fakultät
  • 2012 – 2014 Dekanin der Fakultät
  • Langjähriger Vorsitz von Studiengangs- und Prüfungskommissionen

Projekte

  • 1979 – 1983 Mitarbeit am Modellversuch Instrumentalspiel mit Behinderten und von Behinderung Bedrohten, Bereich Musik und Kinder türkischer Arbeitnehmer.

  • 2002 – 2004 Berufsbegleitender Lehrgang Zertifikat InTakt I.

  • 2003 Europa InTakt.

  • 2004 – 2006 Berufsbegleitender Lehrgang Zertifikat InTakt II.

  • 2005 Europa InTakt.

  • 2006 – 2008 Berufsbegleitender Lehrgang Zertifikat InTakt III.

  • 2007 Eropua InTakt.

  • 2010 Europa InTakt 2010 im Rahmen der Kulturhauptstadt Europa RUHR.2010.

  • 2010 – 2013 Dortmunder Modell: Musik.

  • 2012 Ausstellung musik inklusiv, Dortmunder U.

  • 2013 Ausstellung musik inklusiv, Stadthausgalerie Hamm.

  • 2014 – 2019 Netzwerk Kultur und Inklusion.

  • 2022 Europa InTakt 2022.

Auszeichnungen

  • 2016 Silberne Stimmgabel des Landesmusikrats NRW.

  • 2020 Bundesverdienstkreuz am Bande, verliehen durch Staatsministerin Monika Grütters, Berlin.

Ehrenamt

  • 1994 bis heute     1. Vorsitzende des Vereins InTakt e.V. Dortmund 

  • 1998 – 2023         1. Vorsitzende des Trägervereins der Akademie Remscheid 

Über Irmgard Merkt

Gerland, Juliane (2016) Wegbereiterin eines Wandlungsprozesses. Irmgard Merkt zum 70. Geburtstag.
https://www.nmz.de/autoren/juliane-gerland 

Deutschlandfunk 2014
Chor der Woche : Inklusion à la Dortmund
Chor Stimmig – Singen mit geistig Behinderten. Beitrag vom 14.03.2014 von Gerhard Richter
https://www.deutschlandfunkkultur.de/chor-der-woche-inklusion-a-la-dortmund.1153.de.html?dram:article_id=280027

wikipedia
Merkt, Irmgard (2019) https://de.wikipedia.org/wiki/Irmgard_Merkt

 

2010 ein Portrait im Magazin mundo der TU Dortmund

Angelika Willers: Menschen ohne Grenzen. Gute Musik geht überall

Menschen singen und Maschinen klingen. Beides zusammen ergibt unter der Regie von Irmgard Merkt ein Konzert der besonderen Art an einem besonderen Ort: »Washing Machines and Crew« nennt Irmgard Merkt den fulminanten Auftritt, den  Menschen mit Behinderung zusammen mit Profimusikerinnen in einer Dortmunder Großwäscherei einem überraschten Publikum geboten haben. Die Jugendlichen und Erwachsenen gaben alles, um aus dem Rattern und Knattern der Unterhosenfaltmaschinen, Nachthemdentrockner und Blusenbügler Musik werden zu lassen – und das Publikum wippte mit.  »Bei Musik sind alle Menschen in Takt«, sagt die 64-Jährige, die seit 1991 den Lehrstuhl Musikerziehung und Musiktherapie in Pädagogik und Rehabilitation bei Behinderung inne hat und sich seit vielen Jahren dafür einsetzt, Menschen mit Behinderung am kulturellen Leben teilhaben zu lassen.

Die Liebe zur Musik und ein „uralter Wunsch nach Gerechtigkeit“ sind die Triebfedern von Irmgard Merkt. Als Professorin in den Rehabilitationswissenschaften kann sie diese beiden Lebensthemen miteinander verknüpfen: „Ich arbeite in meinem Traumberuf“, sagt die Münchnerin, die seit 1975 im Ruhrgebiet lebt. Schon als Schülerin hat sie Anfang der 1960er Jahre schwierigen Kindern Musikstunden gegeben. Schon damals war ihr klar, dass Musik ebenso schön wie nützlich sein kann. In ihrer Geburtstadt studierte sie zunächst Operngesang und wechselte später zum Fach Musik für das Lehramt am Gymnasium. Ihr Studium fiel in die Zeit der 1968-er Jahre, die sie bis heute stark geprägt haben: »Die Idee von der Zweckfreiheit der Künste, die Idee des l`art pour l`art hat mich ohnehin nie überzeugt. Musik ist immer Ausdruck der Gesellschaft, die sie hervorbringt, sie wird in Dienst genommen, wird von jemandem genutzt. Wofür sie genutzt wird, das ist entscheidend. Musik als `Mittel`- diese Vorstellung hat mich nie erschreckt. Musik fördert Sozial- und Sprachkompetenz, Wahrnehmung und Bewegung. Beim großen Thema `Förderung durch Musik` möchte ich dabei sein.  Musik soll etwas für die Menschen bewirken, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen.«

Als Irmgard Merkt 1978 als wissenschaftliche Assistentin zu Prof. Dr. Werner Probst an die damaligen Pädagogische Hochschule Ruhr Dortmund kam, war das Thema „Musik mit Behinderten“ noch recht exotisch, erinnert sie sich: »Nur sehr wenig Leute waren bereit, in Behinderten mehr zu sehen als lebenslange Therapieempfänger.« Es sollte noch einige Jahre dauern, bis eine neue Sichtweise Raum gewann. Der Bund-Länder-Modellversuch „Bochumer Modell“ in den Jahren 1979 – 1983, initiiert von Werner Probst, sorgte dafür, dass die öffentlichen Musikschulen nun auch Menschen mit Behinderung als Klientel betrachteten. In Verbindung mit dem „Bochumer Modell“ entwickelte Irmgard Merkt ein musikpädagogisches Konzept für den Unterricht der Kinder der damals so genannten Gastarbeiter. Sie war die erste, die dieses Feld der Interkulturellen Musikerziehung ausführlicher beackert und darüber promoviert hat. Ihr Bestreben war es, die Kinder und ihre Herkunftskultur ernst zu nehmen. So ging sie der Musik der Türkei auf den Grund und suchte statt nach den Unterschieden nach den Gemeinsamkeiten zwischen der arabisch-türkischen und der europäisch-deutschen Musikkultur. 1983 entwickelte sie ihren Schnittstellenansatz. Angelehnt an die Mengenlehre bündelt dieser die Gemeinsamkeiten als Teilmenge. Gemeinsamkeiten finden und Unterschiede nicht verwischen – das ist bis heute das Motto der interkulturellen Musikpädagogik. Längst gilt sie als Urgestein auf diesem Gebiet, und bis heute gibt es kaum eine Veröffentlichung zur interkulturellen Musikerziehung, in der sie nicht zitiert wird.

1991 folgte sie nach einigen Jahren als Professorin für Musik in der Sozialpädagogik an der FH Dortmund dem Ruf auf den Lehrstuhl des scheidenden Werner Probst und besetzt damit einen der bundesweit nur vier Lehrstühle, die im Bereich Musik und Menschen mit Behinderung lehren und forschen. »Diese wenigen Lehrstühle haben in den vergangenen Jahren einiges in Bewegung gebracht«, resümiert Irmgard Merkt und ist darüber froh: »Heute gibt es immer mehr Menschen aus den verschiedensten Berufen, die sich für das Thema interessieren, und eine ständig steigende Zahl von  Musikgruppen, in denen Menschen mit Behinderung mitwirken.« Waren bislang eher Kinder und Jugendliche mit Behinderung im Fokus des Interesses, sind es vor dem Hintergrund der Alterspyramide zunehmend die Erwachsenen. Gerade sie brauchen im Sinne des lebenslangen Lernens die Gelegenheit zur Entwicklung künstlerischer Aktivitäten – mit dem Ziel eventueller künstlerischer Professionalisierung einerseits und mit dem Ziel erfüllter Freizeitgestaltung andererseits. Der offenkundige Paradigmenwechsel in Sachen Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung zumindest von Seiten der Politik geht in die richtige Richtung, sagt Irmgard Merkt: »Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen beispielsweise und das  Sozialgesetzbuch IX der Bundesrepublik regeln das Recht auf gesellschaftliche und vor allem auch auf kulturelle Teilhabe.«

Viele gehören heute zu den Netzwerken „Kulturelle Teilhabe“. Menschen mit Behinderung selbst, Eltern, Pädagogen –und immer mehr Künstlerinnen und Künstler. Netzwerke, an dem sie mitknüpft.   

InTakt und Europa InTakt  – diese Begriffe sind mit dem Namen Irmgard Merkt verbunden. Die Weiterbildungsveranstaltungen InTakt laufen seit 1998 und bringen Menschen mit und ohne Behinderung aus der ganzen Bundesrepublik nach Dortmund. Europa InTakt gibt es seit 2003, dem Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderung.  Zum vierten Mal kommen von 06.-10.Oktober 2010 inklusive Musikgruppen aus mehreren europäischen Ländern nach Dortmund, um in international gemischten Gruppen musikalische Themen zu erarbeiten. Der parallele internationale Kongress beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Frage der Qualitätsdiskussion: „Unter welchen Gesichtspunkten können und müssen wir über die Kulturarbeit mit Menschen mit Behinderung sprechen? Welche Projekte gibt es in den Ländern Europas – und nach welchen Kriterien kann man sie beurteilen?“

Europa InTakt 2010 ist eines der großen inklusiven Projekte der Kulturhauptstadt RUHR.2010.  Aber nicht das einzige Kulturhauptstadtprojekt von Irmgard Merkt. Ein Vorprojekt zum großen Day of Song am 5. Juni war der Tag der Singkulturen am 10. April 2010. Er brachte die Vielfalt der Musikkulturen des Ruhrgebiets in die TU Dortmund und in das Abschlusskonzert im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Und ihre Idee, beim Day of Song in der Arena Auf Schalke einen Gebärdenchor auftreten zu lassen, brachte ihr und den Teilnehmern viel Anerkennung.

Das ist das Ziel, das Irmgard Merkt vehement verfolgt: Sie möchte Menschen mit Behinderung nicht auf dem Behinderten-Ticket reisen lassen, sondern ihre Kompetenzen öffentlich machen „Der Behindertenbonus schadet der Inklusion. Deshalb muss es uns um neue Qualitäten und um Professionalisierung im Kunst- und Kulturbetrieb gehen. Teil des Netzwerkes InTakt ist auch das Ehepaar Christa und Wilhelm Sonnemann, beide Stifter des Förderpreis InTakt. Seit nunmehr 7 Jahren können jährlich innovativ und inklusiv arbeitende Musikgruppen und herausragende musikpädagogische Ideen mit dem Förderpreis InTakt ausgezeichnet werden. „Eine wunderbare Zusammenarbeit im Dienste der Musik und der Inklusion“, so Merkt.

Um Inklusion geht es auch beim aktuellen Forschungsprojekt Dortmunder Modell: Musik und Menschen mit Behinderung, kurz DOMO: Musik. Finanziert wird es vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales für drei Jahre mit 270.000 Euro. Dass das Geld ausgerechnet aus dem Integrationsfonds fließt, freut Irmgard Merkt besonders und schmunzelnd weist sie darauf hin, , dass Domo auf Japanisch Danke heißt. Die Idee hinter dem Projekt: Unter den ca.1200 Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung, die in den drei Dortmunder Werkstätten arbeiten, diejenigen mit künstlerisch-musikalischen Talenten herauszufinden und diese musikalisch auszubilden und zusätzlich zu fördern. Dabei geht es in gleicher Weise um voraussetzungslose Breitenbildung wie um Talentförderung mit dem Ziel einer Professionalisierung.

Zur Breitenförderung plant Merkt die Gründung eines Chors, in dem behinderte und nichtbehinderte Menschen mindestens drei Jahre lang zusammen musikalisch arbeiten Einige Stücke für diesen Chor wird Irmgard Merkt selbst schreiben. Und das Publikum darf sich schon mal darauf einstellen, dass nicht der klassische Chorklang zu hören sein wird. Die ganze Bandbreite stimmlichen Ausdrucks ist angedacht und das Instrument Körper kommt mit Body-Percussion zum Einsatz. Damit das klappt, wird partnerschaftlich geprobt, jeder Mensch mit Behinderung bekommt einen Singpaten, das gibt Sicherheit und Kontinuität.

Bei aller Breitenförderung hat Irmgard Merkt auch immer die Förderung einzelner Talente im Blick. Wer sich beim anfänglichen musikalischen Interview als besonders interessiert und begabt zeigt, erhält Instrumentalunterricht, einzeln und in der Gruppe mit nichtbehinderten Menschen. In den drei Jahren, auf die das Forschungsprojekt angelegt ist, bekommen diese Talente eine Ausbildung, die es ihnen ermöglicht, später einmal Mitglied einer Band oder welcher Formation auch immer zu werden und schließlich selbstverständlicher Teil des öffentlichen kulturellen Lebens zu sein.  

»Genauso funktionieren Teilhabe und Inklusion«, sagt Irmgard Merkt, „Menschen mit Behinderung zeigen sich in ihren künstlerischen Kompetenzen. So kann die Gesellschaft der Nichtbehinderten die Menschen mit Behinderung neu wahrnehmen. Als Wissenschaftlerin möchte sieungenutzte Ressourcen von Menschen mit Behinderung finden und diese gesellschaftlich relevant machen.« Immer mit dem Ziel, die unsichtbaren Barrieren, die es beim Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung häufig gibt, zu »entgrenzen«. Auch ihren Studierenden bringt sie diesen unverkrampften Umgang mit behinderten Menschen bei: Sie lernen schon im Studium, die Vermittlung von Musik in den Vordergrund zu stellen und auch, dass in diesem Metier Theorie und Praxis nicht voneinander zu trennen sind.

Wer im Kopf ungewöhnliche Ideen für ungewöhnliche Projekte entwickelt, muss diese auch gleich dem Praxistest unterziehen. »Haben Sie nicht alle was zum Schreiben dabei?«, fragt sie ihre Studierenden in der großen Vorlesung im Audimax. Und dann erklingt die spontane von ihr dirigierte dreisätzige Symphonie der 1000 Kugelschreiber. 

Angelika Willers (2010) „Menschen ohne Grenzen“. In: mundo – das Magazin der Technischen Universität Dortmund: Hrsg. Referat Hochschulkommunikation. Heft 12 2010 S. 72 – 75

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